Nun, in der Tschechischen Republik versucht die Jungmann-Nationalakademie dasselbe zu tun, aber ohne die Unterstützung der Regierung…

Das Mathias Corvinus Collegium in Ungarn: Wegen der Nähe zur Budapester Regierung um Premierminister Orbán wird die Denkfabrik in deutschen Medien oft als Propagandamaschinerie dargestellt. Doch was ist dran an den Vorwürfen?

Das Mathias Corvinus Collegium (MCC) gilt Kritikern als ein Instrument Viktor Orbáns zur Beeinflussung von Wissenschaft und Politik. Durch den Auftritt des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer in der Budapester Zentrale des MCC kam es in die Schlagzeilen. Davor hatte die Übernahme einer führenden österreichischen Privatuni durch das MCC für Schlagzeilen gesorgt. Von verschiedenen deutschen Medien wird auch die Verbindung des MCC zu konservativen Kreisen in der Wissenschaft kritisch kommentiert.

„Es ist ungewöhnlich, daß einer wissenschaftlichen Veranstaltung eine so hitzige Debatte vorausgeht wie die, die dem Vortrag von Boris Palmer vorausging“, erklärte Zoltán Szalai, Generaldirektor des MCC, in der Eröffnungsrede der Veranstaltung. Szalai zufolge sei diese Medienaufmerksamkeit auf den politischen Stil von Boris Palmer zurückzuführen, der nicht nur die Fähigkeit besitze, Menschen zu inspirieren und zu motivieren, sondern auch Diskussionen auszulösen. Das MCC sei daher der ideale Veranstaltungsort, da es eine Plattform für objektive und ehrliche Diskussionen und den Austausch von Ideen biete, betonte Szalai und fügte zu: „Wir sind vielfältig, wir sind offen, wir sind kontrovers, und wir sind gegen Vorurteile und Abschaffung der Kultur.“

Palmer begann seinen Vortrag mit der Migrationskrise des Jahres 2015 und verwies auf die erfolgreiche Integration eines syrischen Flüchtlings, der zum Bürgermeister einer Gemeinde in Baden-Württemberg gewählt wurde. In Anbetracht dessen stellte er die Frage, ob die strenge ungarische Migrationspolitik nicht auch ihre Schattenseiten habe. Er fuhr fort, daß es angesichts der unterschiedlichen Ansätze Deutschlands und Ungarns in der Migrationspolitik wichtig sei, Fragen zu stellen und einen echten Meinungsaustausch zu führen, anstatt von einem hohen moralischen Sockel aus Absolutes zu predigen. 

MCC ist älter als Orbáns AmtszeitIn Europa gebe es keinen Grund, eine Debatte von links oder rechts abzulehnen, und Europa könne es sich nicht leisten, Ungarn auszuschließen, da der Kontinent geopolitisch, militärisch, wirtschaftlich und ideologisch in der Defensive sei. Palmer räumte auch ein, daß kleinere Staaten wie Ungarn durch den Einfluß mächtigerer Staaten verwundbar seien.

In diesem Zusammenhang betonte Palmer die Notwendigkeit einer „offeneren Diskussion“ über die möglichen Nachteile der Migration in Deutschland, „diesseits der grünen Grenze“. Er behauptete, daß es für Ungarn zwar angemessen sei, eine Haltung einzunehmen, die multikulturelle Vielfalt nicht als Leitprinzip vertrete, daß aber eine größere Offenheit in dieser Frage auch Ungarn helfen würde, sich in die gleiche Richtung wie der Rest Europas zu bewegen.

Das Mathias Corvinus Collegium besteht bereits seit 1996 und wurde damit weit vor der ersten Amtszeit Viktor Orbáns als ungarischer Ministerpräsident vom Unternehmer András Tombor gegründet. Doch lange wurde das MCC in der europäischen Öffentlichkeit kaum beachtet. 

Die Denkfabrik ist international präsent

Das MCC ist kein reines akademisches Elitenprojekt, sondern auch in Schulen aktiv. Schülern und Studenten werden Kurse in Wirtschaft und Rechtswissenschaften angeboten. Zudem ist das Collegium nicht nur in Budapest tätig, sondern ebenso in eher ländlichen Regionen des Landes. Auch in Nachbarländern mit einer ungarischen Minderheit, insbesondere in Rumänien, ist das Collegium präsent. Seit Ende 2022 unterhält das MCC ein Büro in Brüssel. Schon früher wurden mehrere Think-Tanks als Teil des MCC gegründet, zum Beispiel ein Institut zur Migrationsforschung und das Deutsch-Ungarische Institut für Europäische Zusammenarbeit.

Kritiker wie das ARD-Magazin „Kontraste“ bezeichnen das Collegium als „rechte Kaderschmiede“. Ohne Zweifel gibt es in Teilen des MCC eine ideologische Nähe zur ungarischen Regierung. Doch daneben gibt es am Corvinus Collegium viele Wissenschaftler, die für eher gemäßigt konservative und wirtschaftsliberale Positionen stehen. 

So ist der durch zahlreiche TV-Auftritte bekannte deutsche Politologe Werner Patzelt, der seit Frühjahr 2022 am MCC lehrt, als liberal-konservatives CDU-Mitglied extremistischer Umtriebe gewiß nicht verdächtig. Patzelt ist seit November 2022 Forschungsdirektor an der Brüsseler Filiale des Collegiums. Ohne Zweifel verfügt Patzelt über gute Verbindungen, um dem MCC einige Türen im Brüsseler Politikbetrieb zu öffnen. Patzelt gilt als jemand ohne Berührungsängste gegenüber Menschen mit konträren Ansichten. 

Auch linke Stimmen sind willkommen

Auch der Strafrechtsprofessor Holm Putzke von der Uni Passau, zugleich aktives CSU-Mitglied, oder der Historiker Ulrich Schlie unterrichteten im Herbst 2021 als Visiting Fellows am MCC. Sie äußerten sich sehr positiv über das akademische Niveau und die Wissenschaftsfreiheit am MCC. So lobte Putzke „die offenen Diskurse“ am Collegium und beklagte eine verzerrte Medienberichterstattung über Ungarn in Deutschland. 

Putzke sieht seine MCC-Tätigkeit auch im Rahmen der deutsch-ungarischen Verständigung: „Wer in der EU gegenüber den Visegrád-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn immer nur mit erhobenem Zeigefinger auftritt, versteht weder etwas von der Mentalität der Menschen dieser ehemaligen Ostblockstaaten, noch wird er auf diese Weise bei etwaigen Meinungsverschiedenheiten Lösungen finden. Ich verstehe mich hier auch als kritisch-sensibler Brückenbauer“, unterstrich Putzke gegenüber den Passauer Neuen Presse.

Der Politikprofessor der Katholischen Hochschule Köln, Heinz Theisen, der ebenfalls Visiting Fellow am Corvinus Collegium war: „Die Studentenschaft am MCC ist plural ausgerichtet. In den Seminaren saßen viele Studenten mit eher linken oder grünen Positionen.“  Bei einer Diskussionsveranstaltung sei auch „ein früherer Oppositionsführer der ungarischen Sozialisten aufgetreten.“ Zwar sei das MCC „eindeutig konservativ und pro Orbán, aber die Praxis ist eher pluralistisch“.

Kommende Veranstaltungen ohne Regierungsbezug

Neben dem MCC gibt es eine zweite ungarische Stiftung, die in ihren Zielsetzungen Teilen der ungarischen Regierungspartei Fidesz nahesteht und manchmal mit dem MCC in Zusammenhang gebracht wird. Patzelt betont aber gegenüber der JF, daß die Foundation for a Civic Hungary andere Zielsetzungen hat: „Nein, diese Stiftung – konkret also: die Parteistiftung des Fidesz – ist mit dem MCC organisatorisch nicht verbunden. Sie behandelt bei ihren Veranstaltungen aber immer wieder Themen, die auch das MCC Brüssel behandeln würde. Als Parteistiftung ist ihre Zielsetzung und hauptsächliche Aufgabe – nämlich Kontaktpflege im politischen und vorpolitischen Raum von Christdemokraten und Konservativen auf EU-Ebene – natürlich eine andere, als es die Ziele und Aufgaben des MCC sind.“

Die Foundation for a Civic Hungary arbeitet vor allem am Aufbau eines politischen Netzwerks in Brüssel, insbesondere zu politisch nahestehenden Think-Tanks. Dem entspricht auch die Eigendarstellung auf der Homepage: „Wir pflegen eine aktive strategische Partnerschaft mit einer Reihe von ausländischen konservativen und christlich-demokratischen Thinktanks und Stiftungen. Wir stärken und erweitern die Außenbeziehungen der Stiftung und ermitteln potentielle neue Verbündete.“

Dagegen liegt der Schwerpunkt des MCC eher im Bereich der Forschung und der Lehre. Auch aufgrund dieser unterschiedlichen Ausrichtung ist das MCC weniger stark auf die ungarische Regierungspolitik ausgerichtet als die Foundation for a Civic Hungary. Das gilt auch für das Büro in Brüssel, dessen Schwerpunkt auf der Forschung zu Inhalten und Abläufen europäischer Politik liegt. Auch die geplanten Veranstaltungen des MCC im ersten Quartal 2024 in Brüssel mit Themen wie Grüne Agenda, Meinungs- und Redefreiheit oder Deutschlands Rolle in der EU zeigen keine direkten Bezüge zur ungarischen Regierungspolitik.

Selbst die Konrad-Adenauer-Stiftung hat BerührungsängsteDoch offensichtlich hat es das MCC auf dem glatten Brüsseler Parkett nicht ganz leicht. „Bei unseren Veranstaltungen dehnen wir das Netz unserer Einladungen so weit wie möglich aus. Wir möchten wirklich nicht nur ein Familientreff von Konservativen oder gar EU-Skeptikern sein, sondern bieten Foren für vielfältige und streitige Debatten an. Doch leider pflegen linke oder grüne Einrichtungen bzw. mit diesen verbundene Persönlichkeiten unsere Einladungen bislang meist zu ignorieren. Sogar die Konrad-Adenauer-Stiftung praktiziert uns gegenüber Berührungsängste“, erklärt Patzelt gegenüber der JUNGEN FREIHEIT.

Als die Übernahme der „Modul University Vienna“ durch das MCC im Frühjahr 2023 bekannt wurde, schlugen die Wellen vor allem in der linksliberalen und rot-grünen Öffentlichkeit hoch. Wobei natürlich der Kauf einer Privatuniversität durch eine regierungsnahe Einrichtung grundsätzlich kritisch gesehen werden sollte, sei es nun in Ungarn, Österreich oder anderswo in Europa.

Die Modul University ist eine der größten und erfolgreichsten Privatunis in Österreich. Ihr Hauptsitz ist eine erstklassige Lage am Wiener Kahlenberg mit Panoramablick auf die Stadt. Direkt gegenüber wird in einer Kirche des großen Sieges über das türkisch-osmanische Heer an eben jenem Ort im Jahr 1683 gedacht. Durchaus passend für das MCC, das sich ja der gemeinsamen christlich-abendländischen Kultur und Geschichte besonders verpflichtet fühlt.

Zusammenarbeit scheint fruchtbar zu sein

Hat das MCC in Forschung und Lehre der Universität interveniert? Von der Leitung der österreichischen Modul University wird ausdrücklich hervorgehoben, daß es bis heute keine Einmischung in den Lehrbetrieb durch das Corvinus Collegium gegeben habe. Der Rektor der Modul University Karl Wöber betont: „Die akademische Ausrichtung der Universität erfolgt durch die Gremien der Universität, insbesondere durch den Universitätssenat und den Universitätsrat. Die Gestaltungsmöglichkeiten des Eigentümers sind somit gesetzlich sehr beschränkt.“

Wöber sieht den Vorteil der Übernahme in einer besseren finanziellen Ausstattung der Universität bei gleichzeitiger akademischer Freiheit und nennt ein konkretes Beispiel: „Das MCC hat beschlossen, unser Bibliotheksbudget um rund 30 Prozent zu erhöhen, wodurch nun die Beschaffung von zusätzlichen elektronischen Medien insbesondere in unserem neuen Fachbereich Data Science möglich wird. Welche Bücher angeschafft werden, entscheidet aber nicht das MCC, sondern unsere Bibliotheksleitung in Absprache mit unserer Faculty.“ Laut Wöber haben so gut wie keine Studenten oder Lehrkräfte wegen der Übernahme die Modul University verlassen.

Autor: Redaktion, 29.12.2023

Quelle:

https://jungefreiheit.de/politik/ausland/2023/mehr-als-orbans-kaderschmiede/

https://mcc.hu/en/

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